(M)ein Beitrag zu 2018

Kurzer Spaziergang über die Festplatte nach Weihnachten, am letzten Tag des Jahres. Dabei begegne ich einem Textfragment. Nach neun Monaten kann ich es veröffentlichen.

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Mein Vater! – Ein Nachruf, der nicht verhallen mag

Am Freitag mittags das Mobiltelefon eingeschaltet. Die Nachricht von meinem Bruder: mein Vater wird nach Einschätzung des Arztes den Tag nicht überleben. Tags zuvor ist er im Krankenhaus gestürzt und hat sich den Oberschenkel gebrochen. Der erste Bruch, nach vielen Stürzen. An eine Operation ist nicht zu denken, das Herz zu schwach, der Blutdruck zu niedrig. Von allen Seiten fliegen die Kinder herbei. Im Autoradio die „Unvollendete“ von Schubert. Gott sei Dank ist mein Bruder Benedikt, der in Kiew lebt, zufällig ohnehin seit einem Tag vor Ort. Alle sind da. Wir umrahmen das Sterbebett. Für die Visite werden wir gebeten, den Raum kurz zu verlassen. Danach die Auskunft: die Kreislaufunterstützung abgeschaltet. Der ohnehin schon niedrige Blutdruck wird weiter absinken, der Weg zum Ende. Die letzten Stunden mit Vati. Sein Atmen zeitweise das einzige Geräusch. Wir nehmen Abschied. Sagen ihm, was immer, immer bleiben wird: Liebe und Dankbarkeit. 21:43 Uhr, passend zu seiner gewöhnlichen frühen Schlafenszeit (mit den Worten: „Kinder! Schaut’s, dass ihr ins Bett kommt!“) verabschiedet er sich. Herzversagen. Auf dem Monitor blinkt es rot. Es piept laut. Wie in der S-Bahn. Die Tür geht auf, die Tür geht zu. Abfahrt.

Mein Vater. Ein kluger Mensch. Ein besonnener Mensch. Ein interessierter Mensch. Ein mitfühlender und -denkender Mensch.

Er hat mich wachsen lassen. Er hat uns die nötigen Nährstoffe mitgegeben. Wie habe ich es als Kind geliebt, mit ihm am Sonntagnachmittag durch’s Dorf zu spazieren, ihn über die Zeit in Schlesien, die Flucht, das Studium nach Kriegsende in München auszufragen. Und alles konnte ich ihn fragen. Mit ihm diskutieren, puh, auch meine ganz provokanten religionskritischen Fragen. Er sein reiches Wissen einflechtend. Seine Großzügigkeit. Rasche Vergebung für Fehltritte, gleich was es betraf – und dann wieder ein Lächeln. Immer da. Seine großen Ohren und wachen Augen offen. Für Alle. Ohne viele Worte. Er hat es uns vorgelebt: jeder Mensch hat dieselbe Würde. Neugier auf fremde Kulturen. Mein Vater dürfte keine Feinde haben. Höchstens ein paar Neider.

Vati, ich verspreche Dir (lieber wenig versprechen, und das halten): falls ich 80 Jahre alt werde, dann feiere ich meinen 80. auch in Iran.