Anna Achmatowa (*1889 Odessa, +1966 Moskau)

Die Frühlingsbrise zärtlich weht,
das Abendlicht ist gelblich trübe.
Du kommst wohl ein Jahrzehnt zu spät,
und dennoch bin ich froh darüber.

Setz dich ganz nah zu mir und schau
– beschwingt und ohne mich zu richten –
auf dieses Tagebuch in blau
mit meinen kindlichen Gedichten.

Vergib, zu lange habe ich
der Daseinsfreude mich enthalten.
Vergib, vergib, dass ich für dich
zu viele andere gehalten.

aus:“Ich lebe aus dem Mond, du aus der Sonne“, Liebesgedichte